Legoyourego Blog

Mitfahrzentrale – Eine Odyssee

Posted in Allgemein, Leben by legoyourego on 8. September 2009

Vielleicht ist die Überschrift etwas übertrieben, aber wenn man von Köln nach Hamburg ohne Stau acht Stunden unterwegs ist, dann läuft da eindeutig etwas falsch. Ich versuche einfach mal ganz nüchtern meine Reiseerlebnisse zu schildern. Gegen 17 Uhr bin ich am Park&Ride Parkplatz Weiden-West in den Transporter gestiegen. Ein Transporter der täglich von Köln nach Hamburg und zurück fährt, um etliche Pakete „Kölner Express“ und „Kölner Stadtanzeiger“ in die schöne Stadt im Norden zu karren. Zusätzlich zu den Zeitungen haben in dem Wagen 6 Personen inklusive Fahrer Platz. Theoretisch, und möglichst ohne Gepäck. Das bedeutet man kann, man muss aber nicht 5 Personen mitnehmen, zumindest sollte man nicht, hat er aber. Zunächst war ich bis ca 19 Uhr alleine mit dem durchaus freundlichen türkischen Fahrer. Wir sind sehr seltsame Umwege quer durch Köln gefahren, haben gegen halb sieben die Zeitungen in der Amsterdamer Straße geladen und dann gegen 19 Uhr zwei Damen, eine junge und eine deren MHD schon leicht überschritten war, am Kölner Bahnhof abgeholt. Innerhalb dieses Zeitfensters habe ich mich zum ersten mal gefragt: „Öhm?“ und „Warum bin ich nicht erst um 19 Uhr am Hbf eingestiegen?“
Aber man ist ja flexibel. Die nächste Station sollte Bochum sein, wo wir eine weitere Person einsammeln sollten und wie sich auf dem Weg herausstellte auch noch weitere Zeitungsstapel. An dieser Stelle möchte ich zum ersten Mal erwähnen, dass der freundliche Fahrer einem Hobby frönt, das mir schon ab Köln Hbf ein ganz klein wenig auf den Piss gegangen ist. Eines seiner 3 Handys war (natürlich mit Headset) via Standleitung permanent mit einer türkischen Telefon-Chat-Hotline verbunden. Nicht dass mich das bei einer deutschen Telefon-Chat-Hotline nicht auch tierisch genervt hätte, aber dann hätte ich wenigsten etwas verstanden. So war es nur ein immer währendes Gebrabbel von der Seite und Stille von den Damen auf der Rückbank. Leider kann ich nicht behaupten, dass ich rein gar nichts davon verstanden hätte. Meine paar Brocken türkisch haben es mir zumindest erlaubt mitzubekommen, dass er zeitweise völlig ungeniert über mich geredet hat. Als wir in Bochum ankamen, war es bereits dunkel, was für Ortskundige schon alles sagt. Dort stieg am Bahnhof ein junger Afrikaner zu. Weiter ging es nach Bochum Riemke, um mehr Zeitungen zu laden. Dort angekommen klingelte ein anderes Handy und es stellte sich heraus, dass ein Mitreisender vergessen wurde. Also wieder zurück zum Bahnhof, um den knapp 24-jährigen, mit einem gefälschten aber riesigen Usher-Brilli beohrringten Typen, ohne Sinn für die Verwendung von Artikeln, gemeinsam mit seinem Fahrrad aufzusammeln. Dialog: „Fahrrad geht nicht.“ „Kollege, deine Chef hat gesagt, den Fahrrad geht. Alter isch muss Hamburg. Mach ma klar.“ Nach einigem hin und her saß der Kollege im Auto, sein Fahrrad hinten auf den Zeitungen. Die kurze Verwirrung hatte ich genutzt, um mit dem Afrikaner die Plätze zu tauschen. Ich saß jetzt hinten mit den Damen, vorne die drei Herren. Wieder in Bochum Riemke, weitere Zeitungen eingeladen, nach eineinhalb Stunden Bochum ging es weiter auf die Autobahn. Den kurzen Abstecher zu einem Rasthof im Münsterland, um noch mehr Zeitungen zu laden übergehe ich generös. Nun könnte man glauben, dass mit sechs Menschen im Auto ansatzweise so etwas wie ein Gespräch zustande kommen könnte. Weit gefehlt. Mein Versuch mich mit der jüngern Dame zu unterhalten, scheiterte an Einsilbigkeit. Die ältere Dame, die ihre Kopfhörer nur abnah, um zwischendurch zu verkünden, dass sie mit der Gesamtsituation unzufrieden sei, erwies sich spätestens in dem Moment als Gesprächspartner ungeeignet, als sie auf meine Frage, was sie denn da hört, antwortete „das sind Reden meines spirituellen Lehrers“. Von den Vordersitzen wurde das monotone Handy-Gebrabbel bis ungefähr Bremen aufgefrischt, dadurch dass der Afrikaner über weite Strecken in einer mir nicht bekannten, vermutlich mittel- oder südafrikanischen Sprache seine Frau und der beohrringte Jüngling in einer mir nicht bekannten nordafrikanischen Sprache wen auch immer telefonisch volltextete.
Dennoch hieß es die Fassung zu behalten. Es gibt Menschen auf dieser Welt, denen geht es viel viel schlechter als mir. Ab Bremen war das mit der Fassung nur noch Fassade. Da hat sich mein namenloser Chauffeur dazu entschieden, eine Musik-CD mit arabischen Volksweisen ins Laufwerk zu drücken. Schon bald standen mir Tränen des Schmerzes in den Augen und ich hätte nie gedacht, dass ich nach einer weiteren halben Stunde Allah dafür danken würde, dass die musikalische Untermalung durch RnB ausgetauscht wurde. Naja von Bremen aus war es ja theoretisch nur noch eine Stunde. Da im Plan vorgesehen war, dass zuerst die Zeitungen entladen werden und wir dann am Hamburger Hauptbahnhof herausgelassen würden, kam ich auf die Idee mich von meinen Freunden bei der Zeitungsübergabe abholen zu lassen. Inzwischen war es Mitternacht. Ich rief also meinen Freund Helge an, um das abzulären. Folgender Dialog:
Ich (zum Fahrer) „Wie heißt die Straße, wo du die Zeitungen auslädst?“
Fahrer „Sudä-Straße“
Ich „Wie bitte?“
Fahrer „Sudä-Straße“
Ich (nachdem mein Navi mir in der Nähe des Bahnhofes eine Sudeck-Straße vorgeschlagen hatte): „meinst du die Sudeck-Straße?“
Fahrer „Jaja, genau, Sudä-Straße“
Helge (am Telefon) „Bist du sicher, dass der nicht die Süderstraße meint?“
Ich „Heißt die Straße Süderstraße oder Sudeck-Straße?“
Fahrer „Nein Nein, Sudä-Straße“
Schön und gut. Helge ist dann leider ohne sein Handy losgefahren. Um mich in der Sudeck-Straße abzuholen. Mich haben sprachliche Missverständnisse natürlich doch in die Süderstraße verschlagen. Zusammen mit dem Ohrringtragenden und seinem Fahrrad fand ich mich auf dem Bürgersteig am Anfang der Straße wieder, wo mein Weggefährte auf die Rückkehr des Transporters wartete (beim Ausladen der Zeitungen sollte keiner sehen, dass ein Fahrrad darauf liegt) und ich schnell feststellte, dass ich falsch bin, aber telefonisch niemanden erreichen würde. Ich musste also eine knappe Viertelstunde auf die Rückkehr des Transporters warten und meinen kleinen Usher-Verschnitt davon überzeugen, dass er mich nicht mitten in der Nacht in einer Straße stehen lässt, die wie ich später erfahren durfte für ihren Straßenstrich weit über die Grenzen Hamburgs hinaus bekannt ist. Aber ich hatte Glück. „Na gut, weil Ramadan is bleib isch hier, weil isch klau nisch, wenn Ramadan ist.“ Offenbar hatte nicht das Vergewaltigungsszenario, das ich ihm ausgemalt hatte, sondern die Tatsache, dass er im Ramadan davon Abstand nehmen wollte, die Zeche bei seiner Mitfahrgelegenheit zu prellen dafür gesorgt, dass er sich nicht auf sein Fahrrad geschwungen hat und in die Nacht hinaus gefahren ist. Meine leicht gereizte Stimmung hat vermutlich dafür gesorgt, dass der Fahrer mich mit einer halben Stunde Verspätung schließlich ohne Aufpreis in die Sudeckstraße gefahren und in die sichere Gesellschaft meiner dort wartenden Freunde überlassen hat. Ein sehr schönes Wochenende und eine unterhaltsame Rückfahrt* haben mich dann jedoch für die Strapazen entschädigt.
*Gleicher Wagen, gleicher Fahrer aber keine Umwege und zwei sehr coole Mitfahrer (ein Bochumer Hiphoper, ich hab jetzt neue Musik *g*, und ein Hamburger Japanologie Student)

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4 Antworten

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  1. legoyourego said, on 10. September 2009 at 13:39

    Naja, er hatte mich gefragt was ich so mache und warum ich nach Hamburg will. Ich hatte ihm also ein paar Eckdaten genannt und er hat sie weiter getratscht. Eigentlich nichts schlimmes, aber wenn man das macht, in dem Glauben der andere versteht´s eh nicht, dann ist das einfach frech.

  2. Muriel said, on 10. September 2009 at 13:39

    Lässt mir einfach keine Ruhe: Weißt du ungefähr, was der Fahrer über dich gesagt hat?

  3. legoyourego said, on 9. September 2009 at 13:39

    Nein, es gibt immer welche, die über Base oder andere Flatrate-Tarife kostenlos erreichbar sind. Freut mich dass Dir die Geschichte gefällt 🙂

  4. Muriel said, on 8. September 2009 at 13:39

    Eine lange Geschichte. Aber eine spaßige.
    So einen dauertelefonierenden (Taxi-)Fahrer hatte ich auch mal. Kosten diese Chat-Hotlines nicht ein Heidengeld?


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